An(ge)dacht für die Karwoche

Liebe Leserin, lieber Leser,
mit dem kommenden Sonntag Palmarum beginnt die „Karwoche“. Im Leben der Jünger damals muss diese Woche wohl einer Achterbahnfahrt geglichen haben. Erst der triumphale Empfang. Dann die beginnenden Anfeindungen, das letzte gemeinsame Mahl mit so merkwürdigen Andeutungen seitens Jesu den Jüngern gegenüber und dann seine Gefangennahme, die Flucht aller und dann der Tod Jesu am Kreuz…
Wie mag es ihnen und den Frauen unter dem Kreuz ergangen sein? Vielleicht dachte Maria in ihrem Schmerz an die Worte des Propheten Jesaja!?
Worte, die auch ich immer am Karfreitag im Gottesdienst lese:
„Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet … durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jesaja 53,3+5c)
Am Sonntag beginnt sie nun wieder - die Karwoche. Das ist für evangelische Christen die wichtigste Woche im Jahr, aber auch für unsere katholischen Schwestern und Brüder ist sie eine besondere Zeit. Es war einmal die „stille Woche“, die Älteren werden sich noch erinnern: Das Leben verlief langsamer, selbst im Radio und im Fernsehen gab es ein ruhigeres, besinnlicheres Programm. Es war eine traurige Woche, denn in dieser Woche gedenken wir des Leidens und Sterbens des Jesus von Nazareth.
Wir werden nicht gerne an Leiden und Tod erinnert, weil es schmerzlich ist. Aber Christen erinnern sich ja daran nicht, weil wir in den Tod verliebt sind. Ganz im Gegenteil. Wir begehen die stille Woche, weil wir wissen, was kommt: Ostern. Wir halten den Karfreitag aus, weil wir immer schon von der Botschaft der Auferstehung herkommen. Die stille Woche ist eine Woche des Lebens.
Und eine Woche der Wahrheit. Es ist die Wahrheit über die Welt und über die Menschen. In der Welt herrschen Hunger, Krankheit, Not und Tod, Menschen können unglaublich grausam und dumm sein. Daran erinnert uns unser christliches Symbol, das Kreuz. Es sagt: Er hat das Leiden überwunden. Der Glaube sieht durch das Kreuz hindurch schon das Licht.
Der Prophet Jesaja hat sich darüber Gedanken gemacht. Er sieht im Leiden, in der Gebrechlichkeit des Alters und der Hinfälligkeit von Krankheiten das Leben. Der Glaube sieht die Welt anders: Als einen Ort von Glaube, Liebe und Hoffnung. Wir Menschen sehen nur, was vor Augen liegt und urteilen darüber, Gott sieht tiefer und liebt, was er sieht.
Die Männer, die Jesus am Karfreitag gekreuzigt haben, haben ihn verspottet. Aber ein Hauptmann hat tiefer gesehen. Er sagt über den, der so hässlich und zugerichtet war: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen“. (Matthäus 27,54)
Da konnte er noch nicht ahnen, wie recht er hatte.
Um wieviel mehr können wir es heute, wo wir doch gehört haben: Er ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Gerade in dem, was uns auf den ersten Blick nicht gefällt, zeigt sich uns Gott. Das ist, gerade wenn Alter und Krankheit nach uns greifen, eine wundervolle Botschaft.
Und diese Botschaft brauchen wir in diesem Jahr wieder besonders. Wieder ein harter Lockdown zu Ostern.
Eine ruhige und stille Woche ist uns verordnet… Und so ist es auch heuer eine Woche der Stille, eine Woche des Lebens und auch eine Woche der Wahrheit.
Sind wir in Gedanken bei den Menschen in den Kliniken, in den Seniorenheimen, in der Nachbarschaft… und zünden eine Kerze der Hoffnung an. Ein Licht das uns trägt und hält.
Ihr/Euer Pfarrer Thomas Abel